{"id":20,"date":"2026-07-31T00:21:02","date_gmt":"2026-07-30T22:21:02","guid":{"rendered":"https:\/\/powersmartcoat.de\/emissionsgrad-was-er-beschreibt\/"},"modified":"2026-08-06T11:36:38","modified_gmt":"2026-08-06T09:36:38","slug":"emissionsgrad-was-er-beschreibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pscoat.lu/en\/emissionsgrad-was-er-beschreibt\/","title":{"rendered":"What Emissivity Really Describes"},"content":{"rendered":"<p>Der Emissionsgrad taucht in jedem Datenblatt einer d\u00e4mmenden Beschichtung auf, meist als kleine Zahl zwischen 0 und 1. Was er beschreibt, ist pr\u00e4zise definiert. Was daraus f\u00fcr ein Bauteil folgt, h\u00e4ngt an der Geometrie \u2014 und genau dort wird es in der Praxis unsauber.<\/p>\n<h2>Die Definition steht in einer Potenz<\/h2>\n<p>Jede Oberfl\u00e4che oberhalb des absoluten Nullpunkts gibt W\u00e4rme als elektromagnetische Strahlung ab. Wie viel, beschreibt das Stefan-Boltzmann-Gesetz:<\/p>\n<p><code>M = \u03b5 \u00b7 \u03c3 \u00b7 T<sup>4<\/sup><\/code> &nbsp;[W\/m\u00b2]<\/p>\n<p>\u03c3 ist die Stefan-Boltzmann-Konstante mit 5,67 \u00b7 10<sup>\u22128<\/sup> W\/(m\u00b2\u00b7K<sup>4<\/sup>), T die absolute Temperatur in Kelvin. Der <strong>Emissionsgrad \u03b5<\/strong> ist dimensionslos und sagt, welchen Anteil der Strahlung eines idealen schwarzen K\u00f6rpers die Oberfl\u00e4che tats\u00e4chlich abgibt.<\/p>\n<p>Zwei Dinge folgen daraus sofort:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Die vierte Potenz ist der entscheidende Term.<\/strong> Zwischen 20 \u00b0C (293 K) und 5 \u00b0C (278 K) liegen nur 15 Kelvin, aber der Strahlungsstrom \u00e4ndert sich um rund 20 Prozent. Bei industriellen Oberfl\u00e4chen mit 200 \u00b0C und mehr wird der Unterschied dramatisch \u2014 dort ist Strahlung der beherrschende Verlustweg.<\/li>\n<li><strong>\u03b5 und Absorptionsgrad sind bei gleicher Wellenl\u00e4nge identisch.<\/strong> Das ist das Kirchhoffsche Strahlungsgesetz. Eine Oberfl\u00e4che, die schlecht abstrahlt, nimmt bei derselben Wellenl\u00e4nge auch schlecht auf.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Typische Werte, und warum sie \u00fcberraschen<\/h2>\n<table>\n<thead>\n<tr>\n<th>Oberfl\u00e4che<\/th>\n<th>\u03b5 (langwellig)<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Schwarzer K\u00f6rper (Modell)<\/td>\n<td>1,00<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Mineralischer Putz, Mauerwerk, Holz<\/td>\n<td>0,90 bis 0,95<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Dispersionsfarbe, gleich welcher Farbton<\/td>\n<td>rund 0,90<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Fensterglas, unbeschichtet<\/td>\n<td>rund 0,84<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Low-E-Beschichtung auf Glas<\/td>\n<td>0,03 bis 0,17<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Blanke Aluminiumfolie<\/td>\n<td>0,03 bis 0,05<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Der wichtigste Wert in dieser Tabelle ist der zweite. <strong>Nahezu alle Baustoffe liegen bei 0,9.<\/strong> Ein Ziegel, ein Kalkzementputz und eine wei\u00dfe Wandfarbe unterscheiden sich im langwelligen Emissionsgrad praktisch nicht.<\/p>\n<p>Und ein Punkt, der regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr Verwirrung sorgt: <strong>der sichtbare Farbton sagt nichts \u00fcber den langwelligen Emissionsgrad.<\/strong> Eine schwarze und eine wei\u00dfe Dispersionsfarbe liegen beide bei etwa 0,9. Der Farbton beeinflusst den <em>kurzwelligen<\/em> Absorptionsgrad, also die Aufnahme von Sonnenstrahlung \u2014 eine ganz andere Gr\u00f6\u00dfe f\u00fcr eine ganz andere Wellenl\u00e4nge.<\/p>\n<h2>Wo ein niedriger Emissionsgrad nachweislich wirkt<\/h2>\n<p>Es gibt drei gut dokumentierte Anwendungen, und sie haben eine Gemeinsamkeit: Die Oberfl\u00e4che mit dem niedrigen \u03b5 steht einem <strong>Luftraum oder einem gro\u00dfen Temperaturgef\u00e4lle<\/strong> gegen\u00fcber.<\/p>\n<h3>Isolierverglasung<\/h3>\n<p>Im Scheibenzwischenraum einer Zweifachverglasung l\u00e4uft ein erheblicher Teil des W\u00e4rmestroms als Strahlung zwischen den beiden Glasfl\u00e4chen. Eine Low-E-Schicht auf der raumseitigen Scheibe senkt diesen Anteil drastisch. Der Effekt ist gro\u00df, messbar und in der Produktnorm geregelt \u2014 der Weg vom Unbeschichteten zur beschichteten W\u00e4rmeschutzverglasung ist einer der gr\u00f6\u00dften Spr\u00fcnge, die die Bauphysik in den letzten Jahrzehnten gemacht hat.<\/p>\n<h3>Strahlungsbarrieren vor einer Luftschicht<\/h3>\n<p>Eine Aluminiumkaschierung wirkt nur dann als Strahlungsbarriere, wenn vor ihr eine <strong>ruhende Luftschicht<\/strong> liegt. Wird dieselbe Folie direkt einlaminiert oder eingeputzt, verschwindet der Effekt vollst\u00e4ndig: Ohne Luftspalt gibt es keinen Strahlungsaustausch, den man reduzieren k\u00f6nnte, und der W\u00e4rmestrom l\u00e4uft als Leitung weiter.<\/p>\n<p>Das ist der h\u00e4ufigste Anwendungsfehler in diesem Feld \u2014 und der Grund, warum die Einbausituation in jedem Nachweis genannt geh\u00f6rt.<\/p>\n<h3>Hei\u00dfe Oberfl\u00e4chen im Anlagenbau<\/h3>\n<p>Bei Rohrleitungen, Beh\u00e4ltern und Kesseln mit Oberfl\u00e4chentemperaturen deutlich \u00fcber Raumtemperatur dominiert wegen der vierten Potenz der Strahlungsanteil. Hier hat eine emissionsmindernde Beschichtung ihr klassisches Einsatzfeld.<\/p>\n<h2>Wo die Sache am Bauteil kompliziert wird<\/h2>\n<p>An einer raumseitigen Wandoberfl\u00e4che ist die Lage anders als im Scheibenzwischenraum, und das aus einem einfachen Grund: <strong>Strahlung und Konvektion laufen dort parallel, und die Norm fasst beide in einer Zahl zusammen.<\/strong><\/p>\n<p>Der <strong>W\u00e4rme\u00fcbergangswiderstand R<sub>si<\/sub><\/strong> mit dem Normwert 0,13 m\u00b2K\/W ist keine reine Strahlungsgr\u00f6\u00dfe. Er enth\u00e4lt den konvektiven Anteil \u2014 die Luftbewegung an der Wand \u2014 genauso wie den Strahlungsaustausch mit den \u00fcbrigen Raumfl\u00e4chen. Wer den Strahlungsanteil senkt, ver\u00e4ndert R<sub>si<\/sub>, aber nicht in dem Verh\u00e4ltnis, das die reine Strahlungsrechnung nahelegt.<\/p>\n<p>Dazu kommt: Der Strahlungsaustausch findet zwischen der Wand und den <em>\u00fcbrigen Oberfl\u00e4chen desselben Raums<\/em> statt, nicht gegen den kalten Au\u00dfenraum. Die Temperaturdifferenz ist damit klein \u2014 wenige Kelvin statt der 25 Kelvin, mit denen der Nachweis nach DIN 4108-2 rechnet. Und in die vierte Potenz geht eben diese kleine Differenz ein.<\/p>\n<p>Was daraus f\u00fcr die Oberfl\u00e4chentemperatur eines konkreten Wandaufbaus folgt, l\u00e4sst sich nicht pauschal sagen. Es h\u00e4ngt vom Verh\u00e4ltnis der Widerst\u00e4nde im gesamten Bauteil ab, von der Raumgeometrie und von der Nutzung. <strong>Eine Prozentangabe ohne den zugeh\u00f6rigen Wandaufbau ist deshalb keine Aussage.<\/strong><\/p>\n<h2>Was das f\u00fcr ein Datenblatt bedeutet<\/h2>\n<p>Drei Fragen, die man an jede Angabe eines Emissionsgrades stellen sollte:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>F\u00fcr welchen Wellenl\u00e4ngenbereich gilt der Wert?<\/strong> Langwellig (W\u00e4rmestrahlung bei Raumtemperatur) oder solar (kurzwellig)? Beides sind \u03b5-Werte, sie beschreiben aber verschiedene Vorg\u00e4nge und haben verschiedene Gr\u00f6\u00dfenordnungen.<\/li>\n<li><strong>Nach welchem Verfahren wurde gemessen?<\/strong> F\u00fcr den langwelligen Emissionsgrad ist die Messung nach EN 15976 bzw. mit Emissometer nach ASTM C1371 \u00fcblich. Ein Wert ohne Verfahren ist nicht nachpr\u00fcfbar.<\/li>\n<li><strong>Gegen welche Fl\u00e4che und in welchem Abstand?<\/strong> Ohne die Einbausituation l\u00e4sst sich der Strahlungsaustausch nicht berechnen \u2014 und ohne Luftspalt gibt es ihn wom\u00f6glich gar nicht.<\/li>\n<\/ol>\n<h2>Und der U-Wert?<\/h2>\n<p>F\u00fcr Anforderungen nach dem Geb\u00e4udeenergiegesetz und f\u00fcr F\u00f6rderprogramme z\u00e4hlt nicht der Emissionsgrad, sondern der <strong>Bemessungswert der W\u00e4rmeleitf\u00e4higkeit<\/strong> nach DIN 4108-4, einer allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung, einer Europ\u00e4isch Technischen Bewertung oder einer harmonisierten Produktnorm. Ein niedriger \u03b5-Wert ersetzt diesen Nachweis nicht, so plausibel die Physik dahinter auch ist.<\/p>\n<p>Wer im Kundengespr\u00e4ch mit dem Emissionsgrad argumentiert, argumentiert also \u00fcber einen realen physikalischen Effekt \u2014 aber nicht \u00fcber eine Gr\u00f6\u00dfe, mit der sich ein F\u00f6rderantrag begr\u00fcnden l\u00e4sst.<\/p>\n<hr>\n<h3>Quellen<\/h3>\n<ul>\n<li>Stefan-Boltzmann-Gesetz und Kirchhoffsches Strahlungsgesetz \u2014 Grundlagen der W\u00e4rme\u00fcbertragung<\/li>\n<li>DIN EN ISO 6946 \u2014 W\u00e4rmedurchlasswiderstand und W\u00e4rmedurchgangskoeffizient, W\u00e4rme\u00fcbergangswiderst\u00e4nde<\/li>\n<li>DIN 4108-2 \u2014 Mindestanforderungen an den W\u00e4rmeschutz, Randbedingungen des Nachweises<\/li>\n<li>DIN 4108-4 \u2014 W\u00e4rme- und feuchteschutztechnische Bemessungswerte<\/li>\n<li>DIN EN 15976 \u2014 Bestimmung des Emissionsgrades; ASTM C1371 \u2014 Emissometer-Verfahren<\/li>\n<li>Geb\u00e4udeenergiegesetz (GEG) sowie BEG-EM-FAQ zur Anerkennung von U-Wert-Nachweisen<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Dieser Beitrag beschreibt allgemeine physikalische Zusammenh\u00e4nge. Er enth\u00e4lt keine Aussage \u00fcber die Wirkung eines konkreten Produkts. Was an einzelnen Objekten gemessen wurde, steht mit den jeweiligen Randbedingungen auf der Seite <a href=\"\/referenzen\/\">Referenzen und Messungen<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan-Boltzmann, Kirchhoff and the fourth power: what \u03b5 means, where a low emissivity demonstrably matters \u2014 and why colour tells you nothing about it.<\/p>\n","protected":false},"author":0,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-20","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bauphysik"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/pscoat.lu/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/pscoat.lu/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/pscoat.lu/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/pscoat.lu/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/pscoat.lu/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":132,"href":"https:\/\/pscoat.lu/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20\/revisions\/132"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/pscoat.lu/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/pscoat.lu/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/pscoat.lu/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}